Echt lässig und voll uncool…

Redaktion am 14.2.2008

Sehnsüchte 2

Wünsche und Sehnsüchte Jugendlicher

Heute war es in Reli schon komisch. Ob ich der Kirche vertraue? Keine Ahnung. Ich kann meiner Familie vertrauen, auch wenn sie mich andauernd nerven. Ich würde einiges auch mit Michi besprechen, natürlich nur, wenn der Thomas und Peter nicht dabei wären und… Der Julia würde ich gerne alles sagen. Nur wie soll ich sie denn am Besten anreden?

Wenn ich wüsste, dass meine Kollegen auf der gleichen Wellenlänge sind, und ich auch mit Peter, Thomas oder Michi über die Julia reden könnte wäre es schon lässig. Wenn ich nicht ständig nur die super coolen Sachen erzählen und den voll Lässigen spielen müsste. Das Leben wäre irgendwie angenehmer, sicherer. Ich könnte mich auf andere Sachen konzentrieren. Wäre vielleicht besser in der Schule. Die Unsicherheit stresst mich.

Vertrauen zur Kirche? Der arme Matthias, der hat da nichts gesagt. Der wäre der Einzige, der voll religiös ist. Ich weiß nicht. Das ist das gleiche wie Vertrauen zum Staat, Vertrauen zu irgendeinem System. Was habe ich davon? Die alle wollen nur ihre Mitglieder, Steuerzahler, Nummern. Wer garantiert, dass ich in fünfzehn Jahren etwas davon haben soll?

Bei den Erwachsenen gibt es auch keine Chance. Die haben alle echt ein Problem: Hetzen durch das Leben, ohne Humor, nur Termine. So wie mein Vater. Nur sein Kalender ist wichtig. Und wenn ich mich aufrege, kommt er mit seinen Klugscheißer-Sprüchen daher. Andere Welt, ohne Power. Meine Eltern haben sich einfach von der langweiligen, depressiven Welt schlucken lassen. Das will ich nicht. Ich möchte das Beste aus meinem Leben machen. Ich will Spaß haben. Einfach Gaude pur.

Obwohl der Matthias, das wäre auch so einer, mit dem man reden könnte. Nach sechs Jahren im Gymi kommt man drauf, dass hinter seinen Blabla-Gott-Sagern mehr steckt. Wenn er mehr seine Überzeugung zeigt, werden sicher alle plötzlich Respekt vor ihm haben. So wäre er kein “Fundi” mehr. Man würde ihm vielleicht sogar ernste Fragen stellen. Ich zumindest. Und dann wirkt er bestimmt nicht mehr so unsicher.

Auf der anderen Seite - ich hasse die Poser, die nur so tun als ob. So wie Peter. Er ist so ein peinliches Fake in seinen 50-Cent-Klamotten und mit seinen megacoolen Rapper-Handshakes. Echtsein ist wichtig. Ich muss mich dabei halt wohl fühlen, und auch dazu stehen können, dass ich meine eigene Musik mache. Auch wenn jetzt alle wieder voll auf den Nirvana-Stil stehen.

Wie soll ich aber meine eigene Identität entwickeln, wenn dir schon die Kids und vor allem die Weiber die Ideen wegschnappen? Es bleibt wenig, wo man noch originell sein kann. Aber was soll’s? Jetzt geht’s ins Cine - abtauchen, weg von dem Scheiß-Grübeln. Die 3D Performance soll echt cool sein: der Space-Sound und die Bildshow, du hast das Gefühl, du bist mitten drin. Voll in Action. Und niemand stellt dir blöde Fragen…

> Facts: Wünsche und Sehnsüchte

Vertrauen zu haben bedeutet der Unberechenbarkeit des Lebens standzuhalten. Durch das Gefühl der Sicherheit sind die Jugendlichen nicht ständig gezwungen, sich für die Überforderung und gegen die Lähmung auszurüsten, sondern werden zur eigenen Lebensführung ermutigt. Harmonische Sozialbeziehungen (Freunde, Familie, Paarbeziehung) haben eindeutigen Vorrang gegenüber dem Systemvertrauen. Wachsende Politik- und Institutionsskepsis ist zu verzeichnen. Der Wohlfahrtstaat entspricht nicht den Dienstleistungserwartungen und vermittelt nicht glaubhaft genug eine sozial sichere Zukunft.
Spaß als Überbegriff für diverse zeitlich begrenzte re-kreative Fluchtpunkte steht für immer wieder kehrende Neuentdeckung von Party-Hedonismus und Sinnenfreude. Die Jugend-Spaß-Gesellschaft ist von einer tiefen Sehnsucht nach intensiver Sinnlichkeit geprägt. Angezogen fühlt man sich primär von nicht diskursiven Ereignis- und Erlebniswelten, in denen die symbolische, nicht rational-argumentative Kommunikation dominiert.
Authentizität ist ein Grundwert, der die Sehnsucht nach Glaubwürdigkeit und nach daraus resultierender Annerkennung und Respekt ausdrückt. Diese fördern den Selbstwert und wirken Identitätsstabilisierend. Das selbstbestimmte Handeln, das Gefühl “in sich stimmig zu sein” und die selbstbewusste Darstellung der inneren Werte und Überzeugungen garantieren das Feedback der Umgebung. Ob positiv oder negativ schärft das Feedback die Arbeit am Selbstkonzept. Verwerflich sind dagegen die oberflächliche Imitation, der unsensible Betrug des eigenen Lebensplans und die Anpassung an das System.

Bohuslav Bereta anhand der Quellen in: Heinzlmaier - Großegger, Die neuen vorBilder der Jugend, Stil- und Sinnwelten im neuem Jahrtausend, Wien 2007

2 Kommentare zu “Echt lässig und voll uncool…”

  1. Karl Schulz sagt:

    Vertrauen zur Kirche?
    In Vorarlberg?

  2. Hermann sagt:

    Ich glaub der Autor des Textes hat darauf angespielt, dass bei vielen Jugendlichen das Vertrauen in die Kirche nicht sehr groß ist, die Kirche hat in der Tat ein Glaubwürdigkeitsproblem, und auf diesem Boden kann halt kein Vertrauen wachsen.