Armut in einem reichen Land

Redaktion am 7.11.2008

Armut_Foto_Rainer_Juriatti

Gesichter der Armut in Vorarlberg

Peter Mayerhofer, der Leiter des Hauses der jungen Arbeiter, stellt Bilder vor sich auf den Tisch. Die Photos sind aus dem Internet. Die Leben dahinter sind real. Da ist Elisabeth, eine Alleinerzieherin mit zwei Kindern, ist nicht in der Sozialhilfe. Die Frau, gelernte Friseurin, mit einem 4 jährigen Kind, hat ein Einkommen von 1000,-, ihre Fixkosten betragen 800,- Euro. Menschen mit einem Einkommen von 1000 sind in Österreich armutsgefährdet.

Oder Robert. Er ist 52 Jahre alt. Er war bis in die 90er jahren als Selbständiger tätig. Er hat ein Unternehmen mit 90 Leuten geführt. Er war verheiratet, zwei Kinder. Eine Gesetzesänderung hat sein Leben verändert. Der Abstieg begann mit einer Gesetzesänderung, die ihn in die Armut führte. Konkurs, Schulden, Scheidung waren die Folgen.  Michael, 26 Jahre, hatte eine sehr schwere Kindheit. Er wurde zuhause geschlagen. Bereits früh ist er in die Drogenszene geraten, auch als Dealer, er neigt zur Gewalt, hat eine Haftstrafe hinter sich. Er ist berufsunfähig.

Unter dem Titel “Armut in einem reichen Land. Gesichter der Armut in Vorarlberg” fand am 4. November 2008 im neu revovierten Saal der Pfarre Dornbirn Schoren ein Abendgespräche der Katholischen Bildungswerke Dornbirn mit der sozialpolitische Referentin der Caritas, Andrea Krammer, dem Schuldenberater Peter Kopf und dem Leiter des Hauses der jungen Arbeiter, Mag. Peter Mayerhofer statt. Moderiert wurde das Gespräch von Roland Poiger.

Wie fühlt sich Armut an? Peter Kopf von der Schuldenberatung des IfS versucht, Armut spürbar machen. Armut ist Kälte, sagt Kopf. Armut ist Stress. Der Stress, zu Geld zu kommen, weil die Waschmaschine kapputt gegangen ist, die Kinder ein Weihnachtsgeschenk wollen, weil der Kühlschrank leer ist. Armut macht krank und ist oft tödlich. Sie kann kriminiell machen. Armut grenzt aus. Arme haben durchschnittlich wenig Freunde. Arme haben keine sozialen Netze. Ihre Freunde sind andere Arme. Armut ist jung, ist weiblich und zugewandert. In Vorarlberg gibt es ca. 20.000 Menschen, die von Armut betroffen sind. Davon sind ca. 6000 Kinder. Etwa 45.000 sind armutsgefährdet. Die Teuerungswelle bedroht vor allem diese Menschen. Wenn sich die Finanzkrise auf unser tägliches Leben durchschlägt, werden diese Menschen sie zuerst spüren.

Peter Kopf hat die Gestalt von Frau “Galehr” erfunden, um Armut konkret zu machen. Frau “Galehr” hat drei Kinder (4, 6, 12 Jahre), der Mann ist vor langer Zeit “untergetaucht”. Das Einkommen von Frau Galehr ist 1416 EUR. Davon verschlingen die Fixkosten 1135,- EUR. Die Familie hat also 281 EUR im Monat zur Verfügung. Da kommen 70 Eur pro Person und Monat heraus. Täglich bleibt der Familie pro Kopf für Lebensmittel, Kleidung, Kino, CD, Handy 2,3 EUR übrig. Sie ist ein typisches Beispiel der Frauenarmut. Die Armut von Frauen ist meist unsichtbar, betont Mag. Andrea Kramer von der Caritas. Armut ist aber überdurchschnittlich stärker weiblich. Frauen sind durchschnittlich weniger erwerbstätig. Sie sind aber auch stärker von Arbeitslosigkeit betroffen. Sie sind zuständig für die Kinderbetreuung und Altenpflege. Frauen scheinen jedoch in der Wohnungslosenhilfe weniger auf. Sie mehr auf sich nehmen, um die Fassade zu bewahren. Sie gehen prekäre Beziehungen ein, damit sie ihre Armut nicht öffentlich machen wollen. Für Frauen ist der Verlust der Wohnung wesentlich dramatischer als für Männer. Frauen sind traditionell für das Heim zuständig. Bevor sie obdachlos werden, nehmen sie selbst Gewaltbeziehungen ein, um die Wohnung nicht zu verlieren.

Ein etwas anderes Bild gibt die Schuldenberatung ab. Die Schuldenblase gab es schon lange, auch hier in Vorarlberg. Die MitarbeiterInnen der Schuldenberatung stellen fest, dass die Armut zunimmt. Die Menschen, die zu Peter Kopf kommen, leben noch zuhause und ist (noch) nicht sichtbar. Die Armut dieser Menschen ist ein schleichender Prozess, der erst langsam zu “stinken” beginne.  In den Anfängen der Schuldenberatung vor 20 Jahren waren die meisten Klienten “arme” Schuldner. Das hat sich geändert. Ein großer Teil der Klienten lebten auf einem sehr hohen Niveau. Sie waren lange Jahre kreditfähig. Schicksalsschläge haben sie aus ihrer Bahn gebracht.
Die meisten Menschen, die in die Schulenberatung kommen, sind in den besten Jahren. Sie sind 25-55 Jahre alt, haben Familie, vermitteln den Eindruck von “Power”.  Sorgen machen aber auch die unter 25 Jährigen, die in einer Situation der Überschuldung kommen. Das ist erschreckend. Ein Ausweg aus der Misere braucht einen langen Atem. Damit tun sich jungen Menschen oft schwer. Oft liegt eine heillose Selbstüberschätzung vor. Hier kann nur ein Schritt nach dem anderen gegangen werden. Gerade diese Menschen tun sich schwer, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Peter Kopf erzählt von einem Mann, der in seine Sprechstunde kommt. Er kramt ein gefaltetes Kärtchen aus seiner Brieftasche, auf der die Adresse der Schuldenberatung steht. Ein Jahr lang hat er das Kärtchen mit sich herumgetragen. Erst jetzt hat er sich ein Herz gefasst. In der Schuldenberatung sind aber dennoch viele Männer. Wenn sie einen Arbeitsplatz haben sind sie kreditwürdiger als Frauen. Deshalb sind sie auch von der Verschuldung stärker betroffen. Etwa 2/3, die drindend eine Schuldenberatung brauchten, nehmen diese nicht Anspruch. Über 50% derjenigen, die Anspruch auf Sozialhilfe haben, beanspruchen sie nicht, weil sie sich schämen. Das Verstecken dieser Armut macht Druck und Stress. Es ist anstrengend, die Fassade aufrecht zu halten.

Wie hilft man Frau “Galehr”? Peter Kopf macht immer zuerst eine Analyse der Einnahmen, Ausgaben und der Schulden. Das ist eine kaufmännische Herangehensweise. Dann geht er aber auch auf die persönliche Situation ein. Er möchte ein Blick auf die ganzheitliche Situation erhalten. Bei vielen Situationen ist eine Schuldenlösung nicht in Sicht. Ziel ist da zuerst ein menschenwürdiges Leben mit Schulden. Manchmal empfielt er, die Schuldentilgung einzustellen und die lebensnotwendigen Bedürfnisse ins Zentrum zu stellen. Vielleicht ist ein Privatkonkurs möglich. Gerade heute hat er von einer Pfarre 300,- EUR bekommen, damit sie zu einem Physiotherapeuten gehen konnte. Wenn die Schulden nicht zu groß sind, lässt sich durch Spenden ein außergerichtlicher Vergleich finden. Oft gibt es sogar innerfamiliäre Lösung, durch die eine Gesamtsanierung erreicht werden kann.
Anderen Herausforderungen stellen sich den Menschen, die schon durch viele andere soziale Netze durchgefallen sind. Hier haben die Bewohner Arbeitsprojekte zur Verfügung und gelangen dadurch teilweise wieder in den Arbeitsmarkt. Die Bewohner werden durch Sozialarbeiter betreut.

Was können wir alle tun? Andrea Krammer meint: wichtig ist, dass wir hinschauen. Die Caritas versucht, mit ihren Sozialpaten, das Hinschauen auf die Nächsten einzuüben. Gerade für Pfarrgemeinden ist es wichtig, wenn sichergestellt wird, dass jemand hinschaut und das, was er sieht, in die Gemeinden zurückträgt.

Am 19. November 2008, 20 Uhr, steht der letzte Teil der Reihe “Armut und Barmherzigkeit in Dornbirn” auf dem Programm, der sich unter dem Titel “Den Sozialstaat neu denken: Bedinungsloses Grundeinkommen und soziales Kapital” mit den sozialpolitischen Möglichkeiten auseinandersetzen wird. An diesem Gespräch werden sich die Stadträtin Dr.  Marie Louise Hinterauer, Mag. Elisabeth Fink (Leiterin der Sozialabteilung der Stadt Dornbirn) und der Leiter der Katholischen Sozialakademie Österreichs, Dr. Markus Schlagnitweit, beteiligen.

2 Kommentare zu “Armut in einem reichen Land”

  1. alphalex sagt:

    aloha Herr Nachfolger vom Haus der Jungen Arbeiter!

    nicht nur reden und sich auf götter, religionen berufen sondern tun! - spuren setzen dass es den menschen im lande wirklich besser geht und nicht als abgeschobene oder wenn ihr nicht schaffa schaffa tuat so enden werdet!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    ich habe vor ca. 2 jahren diese einrichtung inspiziert - miterlebt.

    ich wünsche und hoffe - dass sich die umstände lebensfreundlicher und nachhaltig verändert haben!!!

    auf gut deutsch: menschenwürdig!!!

    wie:

    schimmelfreie betten, warmes wasser am zimmer, privatspähre, regelmäßige reflexionen der mitarbeiter und regelmäßige bewußt angewendete reinigungen der atmosphäre wie es ein geistlicher gelernt hat. oder anders wie ein shamane - priester für sein umfeld betet, dass es im gut ergeht - für fülle, mitgefühl, wohlstand - bedingunslos!!! und nicht nur redet und sozialhilfe abzweigt für etwas andere zwecke. das bier im automaten nicht komplett überteuert ist - 2 euro für eine dose bier ist schon sehr frech - für ein sagen wir mal öffentliches haus. gesunde nahrung und das regelmäßig - nicht etwa auf gut glück wie der koch gerade zeit hat! und und und…. ach ja..bekommt der hund regelmäßig nahrung und wird gassi geführt? und…bekommte der hund auch endlich ordentliche nahrung?
    die giftigen pvc-böden im erdgeschoß mit verschraubten fenstern - sehr sehr gesundheitschädlich - wurde von mir ausgemessen - schon ausgetauscht???

    ach soviel war in diesem haus…ähm…ohne definition..sagen wir mal interesant!

    ich wünsche ihnen alles gute - viel kraft und durchsetzungsvermögen!

    lichtvolle grüsse,

    Thomas Alexander Mühlberger

  2. Peter Mayerhofer sagt:

    Hallo Herr Mühlberger!
    Danke für das Feedback und die direkte Anrede an mich.
    Das “Haus der jungen Arbeiter” ist eine Einrichtung, die seit ihrer Gründung sehr handlungsorientiert - pragmatisch und niederschwellig - ausgerichtet war und ist und die im Laufe ihrer Geschichte auch immer wieder einem starken Wandel unterlag - quasi auf neue Formen von Armut im Land reagiert hat. Emil Bonetti hat ein beeindruckendes Lebenswerk hinterlassen, freilich aber auch - wie es bei Pionierunternehmen oft vorkommt - einen gewissen Investitions- und Reformstau.
    Die von Ihnen angesprochenen “Missstände” kann ich nicht alle nachvollziehen oder konkret zuordnen. Jedenfalls kann ich aber versichern, dass wir in den letzten eineinhalb Jahren sehr viel unternommen haben, um die Lebens- und Betreuungsqualität im Haus der jungen Arbeiter wesentlich zu verbessern, z. B. Warmwasser im Zimmer, Sanierung der Duschanlagen, Verbesserung der Verpflegung (qualitativ und quantitativ), Einführung eines professionellen Nachtdienstes, Aufstockung der Sozialarbeiter-Kapazitäten uvm.
    Weitere Veränderungen (inhaltlich und in der baulichen Infrastruktur) stehen uns natürlich noch bevor - da geht nicht alles von heute auf morgen.
    Alles in allem werden die Veränderungen auch von den Bewohnern durchwegs positiv wahrgenommen. Ich möchte aber auch festhalten, dass es sehr viele Bewohner gibt, die “ihrem” Kaplan Bonetti mit seiner ganz speziellen, unkomplizierten, väterlichen Art der Zuwendung und Unterstützung nach wie vor auch nachtrauern.
    Danke jedenfalls für die guten Wünsche! Auch Ihnen alles Gute,
    Peter Mayerhofer