Als Mahl beganns.

Dietmar Steinmair am 12.10.2008

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Das Hochzeitmahl, bei dem (nicht) alle Gäste folgsam waren: Matthäus 22,1-14

Als Mahl beganns.
Und ist ein Fest geworden, kaum weiß man wie.
Die hohen Flammen flackten,
die Stimmen schwirrten,
wirre Lieder klirrten
aus Glas und Glanz,
und endlich aus den reifgewordenen Takten:
entsprang der Tanz.
Und alle riß er hin. Da war ein Wellenschlagen in den Sälen,
ein Sich-Begegnen und ein Sich-Erwählen,
ein Abschiednehmen und ein Wiederfinden,
ein Glanzgenießen und ein Lichterblinden
und ein Sich-Wiegen in den Sommerwinden,
die in den Kleidern warmer Frauen sind.
Aus dunklem Wein und tausend Rosen
rinnt die Stunde rauschend in den Traum der Nacht.

Und einer steht und staunt in diese Pracht.
Und er ist so geartet, daß er wartet,
ob er erwacht.
Denn nur im Schlafe schaut man solchen Staat
und solche Feste solcher Frauen:
ihre kleinste Geste ist eine Falte, fallend in Brokat.
Sie bauen Stunden auf aus silbernen Gesprächen,
und manchmal heben sie Hände so -
und du mußt meinen, daß sie irgendwo,
wo du nicht hinreichst, sanfte Rosen brächen,
die du nicht siehst.
Und da träumst du: Geschmückt sein mit ihnen
und anders beglückt sein und dir eine Krone verdienen
für deine Stirne, die leer ist.

Rainer Maria Rilke, Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, Leipzig: Insel Verlag 1978, S. 21f.

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