Fremdes Ufer

Rainer Juriatti am 25.6.2008

Fremdes Ufer

Drei Geschichten bringt der Bucher Verlag aus Hohenems in diesem schmalen Büchlein des Vorarlberger Autors Wolfgang Hermann, das den Untertitel “Legenden” trägt. Den Autor vorzustellen, ist fast müßig: geboren in Bregenz, Weltenbummler und vielfach preisgekrönter Schriftsteller, besonders erwähnenswert der “Anton Wildgans Preis” im Jahr 2006.

Fremdes Ufer, die sehr schön gestaltete Sammlung dreier Legenden, entführt in eine kalte Welt des Totalitarismus: “Im Ostreich”, “Flussland” und die titelgebende Erzählung “Fremdes Ufer” sind verfasst in einer knappen, scheinbar “gemeißelten” Sprache, die uns vorführt, wie traurig eine Welt ohne Poesie sein kann. Ronald F. Currie konstruiert in seinem jüngst erschienen Roman “Gott ist tot” eine reale Situation, in der Gott stirbt und beschreibt in Folge jene Entwicklung hin, die unsere Welt nimmt, wenn klar wird, dass Gott tatsächlich gestorben ist (höchst empfehlenswert, sehr spannend - das nur nebenbei). Bei Hermann hat man das Gefühl, es hätte nie einen Gott gegeben.

Die dritte der Legenden, 1992 verfasst, beschreibt eine Welt, die an zwei Dinge erinnert: an die 1989 endgültig beendete Ära der DDR, gepaart mit assoziativen Elementen aus George Orwells 1984 (”DER OBERSTE SIEHT DICH”). Keine Frage, wir begegnen der Mauer beim Lesen, den Selbstschussanlagen, dem Moder eines zu Ende gehenden Regimes. Der Protagonist lebt im Untergrund, hebt sich dadurch ab von den gleichgesichtigen, verwechsel- und austauschbaren Gefolgsleuten des “Obersten”, schließt sich einer Truppe an, die sich in Kellern versteckt, trifft auf Olivia (”während tief in uns unsere Herzen füreinander schlugen”). Bei einer Kundgebung kommt es zu einem Massaker, er flüchtet mit Olivia und landet schließlich in der Bibliothek eines Philosophen (”Es war, als stünde die Zeit still”).

Aber genug verraten. Hermann entführt in eine Welt, die es wert ist, selbst entdeckt zu werden. Unbedingt einpacken in den Urlaubskoffer!

Wolfgang Hermann, “Fremdes Ufer”, 96 Seiten, 14,50 Euro, Bucher Verlag Hohenems, 2007, ISBN: 978-3-902525-79-6.

(Nächste Woche lesen Sie in der SommerLese über das zweite der vier Bucher-Verlag-Publikationen: Auszeit von Franz Kabelka)

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