Von interkulturellen Begegnungen und “getürkten Deutschen”

Redaktion am 6.5.2008

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Ein Tag der Gastfreundschaft im Bildungshaus St. Arbogast

Was bedeutet Gastfreundschaft? Ist ein Gast ein Fremder, der sich temporär bei einem aufhält? Welches Verhältnis hat man in unterschiedlichen kulturellen Regionen zu Gästen und wie begegnet man ihnen? Und vor allem: Wie kann man sich hierarchiefrei und offen gegenübertreten?

“Ich bin ein getürkter Deutscher” sagt Dr. Ilhami Atabay, Psychotherapeut aus München, Autor des Buches “Zwischen Tradition und Assimilation” und Referent bei der Dialogkonferenz “Gemeinsam eine Kultur der Gastfreundschaft pflegen” vergangene Woche im Bildungshaus St. Arbogast.

Atabay ließ während seines Vortrags seine türkische Seele sprechen und verzichtete auf wissenschaftliche Fakten zum Thema Integration. Stattdessen vermittelte er auf persönliche Weise seine Erfahrungen mit Gastfreundschaft. Er schilderte seine anfänglichen Schwierigkeiten, mit denen er als junger Mann in Deutschland konfrontiert war und wie er sich mit den Auffassungen von “Gastfreundschaft”, die so unterschiedlich von jenen sind, mit denen er in seinem Herkunftsdorf aufgewachsen war, arrangiert hat. Groß geworden in einer Familie, in der stets ein Zimmer für Gäste reserviert war, lebt er nun in einer Gesellschaft, in der die Knappheit von Raum und Zeit dazu führt, dass Gäste in Hotels “abgeschoben” werden.

Bereits im Vorfeld der Veranstaltung wurde Gastfreundschaft gelebt, schließlich meldeten sich die Teilnehmer/innen nicht einzeln an,  sondern luden jeweils auch eine(n) Bekannte(n) mit anderer Muttersprache ein. Insgesamt waren es rund 80 Personen aus den unterschiedlichsten Ländern dieser Erde, die sich begegneten. So konnte man sich in den Dialoggruppen, aber auch bei indischem und österreichischem Essen, mit Menschen verschiedenster Herkunft austauschen. Im Zentrum der Konferenz, die vom Bildungshaus  St. Arbogast, okay.zusammen leben und Caritas Vorarlberg veranstaltet wurde, stand die Kommunikationsform des “Dialoges”, die es den Teilnehmenden ermöglichte, sich auf einer persönlichen, hierarchiefreien Ebene zu begegnen.

Nach dem Mittagessen lieferte Dr. Marianne Gronemeyer einen überzeugenden Vortrag zu den Mechanismen, die sich im Umgang mit dem “Fremden” bei uns einstellen.

Anna Kittinger
Tina Fussenegger

2 Kommentare zu “Von interkulturellen Begegnungen und “getürkten Deutschen””

  1. MadMax sagt:

    Ein Beitrag ganz nach meinem “Folge deinem Herzen”-Geschmack. Gratulation an Josef Kittinger und sein Team im Bildungshaus St. Arbogast. Neben Batschuns einer jener weltoffenen Orte, die unsere Gesellschaft dringend braucht.

  2. Desert Eagle .05 sagt:

    Wie ein katholischer Rahmen eine hierarchiefreie Ebene ermöglichen soll, ist mir allerdings ein Rätsel?! Ist doch gerade die katholische Kirche jene Institution mit der ältesten patriarchalisch verkrusteten Struktur weltweit!
    Nur weil hier offensichtlich die Möglichkeit bestand, interkulturelle Begegnungen zu inszenieren, kann mensch noch lange nicht von Weltoffenheit sprechen… Aber wer gerne die rosa Brille trägt, dem sei es überlassen!