Endlich frei

Petra Steinmair am 20.3.2008

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Zum letzten der Sieben Werke der Barmherzigkeit

Gefangene befreien – das siebte Werk der Barmherzigkeit in unserer Reihe macht mich nachdenklich. Da gibt es die unzähligen, auf verschiedenste Weise Gefangenen, auf die Elmar Simma in seinem neuen Buch „Der geschenkte Morgen“ hinweist: Jene, die verfolgt und eingesperrt wurden, weil sie sich für die Menschenrechte stark gemacht haben, jene die gefangen sind in einer unheilbaren Krankheit oder in ungerechten gesellschaftlichen Verhältnissen.

Aber dann frage ich mich: sind wir nicht alle immer wieder irgendwie Gefangene? Verstrickt im Netz unserer Wünsche und Ängste, unserer Ideale und Perfektionismen, unserer Vorurteile und Abneigungen? Immer dann, wenn wir uns selbst ablehnen, weil wir nicht dem Idealbild entsprechen, das wir gerne erfüllen würden: weil wir nicht der perfekte Mann / die perfekte Frau sind. Immer dann, wenn wir andere ablehnen, weil wir uns durch sie in unserer Identität angegriffen und bedroht fühlen: Weil sie andere Traditionen pflegen als wir, weil sie mehr Kinder haben und uns zahlenmäßig vielleicht bald überholen werden, weil sie radikaler für ihre religiösen Rechte eintreten, weil sie erfolgreicher sind als wir, weil sie sich mehr leisten können etc.

In der Einzelhaft unserer Selbstisolation wird uns das Leben zur Hölle – und gegenseitig machen wir uns die Hölle heiß. Der franko-amerikanische Gelehrte René Girard schrieb einmal: „Jeder glaubt sich allein in der Hölle und das ist die Hölle.“ Wie wahr, denke ich. Da braucht es einen, der uns herausholt aus dieser Gefangenschaft.

Diese Befreiung feiern wir zu Ostern. Ostkirchliche Ikonen stellen die Auferstehung oft als einen Siegeszug Christi dar: Christus, der die Fesseln des Todes sprengt, die Tore der Hölle aufbricht und die einst darin Gefangenen ins Leben führt. Doch vor der Befreiung kommt noch etwas anderes: Christus steigt selbst in die Abgründe der Gefangenschaft, der Isolation, der Einsamkeit, des Todes. Aber so – gerade so: als der Schwache, der Verstoßene, der Gewaltfreie, der tief Gefallene, der Ohnmächtige – kann er uns in der Hölle unserer Selbstisolation berühren und zur österlichen Freiheit – zur Freiheit der Kinder Gottes – führen.

Ein Kommentar zu “Endlich frei”

  1. Peter Haas sagt:

    Liebe Petra,

    deine Gedanken zum Thema: Gefangene befreien haben mich sehr beeindruckt. Danke für die wertvollen Impulse, die wirklich mit dem konkreten Leben zu tun haben.
    Peter Haas, Pfarrer