Karfreitag

Sr. Clara Mair am 21.3.2008

 Jesus am Kreuz

“Ecce homo!” - “Seht, welch’ ein Mensch!”

Durch die Jahrhunderte hat sich mit dem Anblick des in unmenschlicher Weise leidenden Jesus ein Ausruf verbunden: “Ecce homo!” - “Seht, welch’ ein Mensch!”

Einer gegen den man mit ungeheuerer Rohheit vorgegangen ist;
einer, dem man die Unversehrtheit von Leib und Leben aufs Gröbste verletzt hat;
einer, dem tiefe Wunden geschlagen wurden - bis hin zum Tod.

Der Anblick des gekreuzigten Jesus geht uns unter die Haut, vor allem auch deswegen, weil er unseren menschlichen Idealvorstellungen so gänzlich widerspricht. Wir alle träumen von einem Menschsein, das möglichst unverwundbar ist, einem Menschsein, das sich keine Spuren von Verletzung und Leid einprägen lässt - oder wenn es solche besitzt, sie zumindest nicht nach außen hin zeigt. Das gilt für die Wunden des Leibes genauso wie für die Wunden der Seele. Schlimm sind die einen wie die anderen.
Und plötzlich erwacht vor dem Kreuz die Frage: Wie gehen wir selbst mit Verletzungen, mit Erniedrigungen? Haben wir vorsorglich eine dicke Haut ausgebildet, damit nichts und niemand an uns herankommt? Oder sind wir Künstler im Verstecken, Verbergen und Verhüllen, so dass niemand sieht, von welcher Schmach wir heimgesucht sind, weil wir eben gut ablenken können? Oder tragen wir etwa das Trugbild mit uns herum, dass uns so und so niemand etwas anhaben kann, weil wir innerlich stark und fest sind?

Nicht zufällig findet sich dieses Trugbild in den großen Mythologien der Menschheit. Wir kennen das Nibelungenlied mit Siegfried: Der Held tötet den Drachen und badet in dessen Blut. Das macht ihn resistent. Kein Schwert kann ihm etwas anhaben - bis auf eine Stelle an der Schulter. An ihr blieb während des Bades im Drachenblut ein Lindenblatt haften. Das ist seine kleine schwache Stelle, sein einziger wunder Punkt.
Eine ähnliche Figur ist uns aus der griechischen Sagenwelt bekannt: Achilles - unverwundbar bis auf die Ferse. “Aber wer wird mich schon an der falschen Ferse erwischen! Hoffentlich erwischt mich niemand an der falschen Ferse!” So denken wir doch! Und dieses “Hoffentlich erwischt mich niemand an der falschen Ferse!” frisst sich vielen Menschen als eine unheimliche Angst tief in die Seele ein. So sind wir erst recht verwundbar und geben es nicht zu.

Wie ganz anders steht gegenüber solchen Vorstellungen Jesus als der gekreuzigte Heiland: der Sohn Gottes, der sich tödliche Verletzungen zufügen lässt, ohne sich mit irgendwelchen Mitteln aus der Situation zu retten. Gerade indem er die Todeswunden an sich trägt, ist er unser Heiland. Eine alte Weisheit sagt: “Nur der verwundete Arzt ist ein guter Arzt.” In Jesus nimmt Gott selbst teil an unseren Schmerzen, an unseren Verletzungen und Verwundungen - an den körperlichen wie an den seelischen bis hin zu jener Wunde, die für unser aller Leben der Tod bedeutet. Es ist ein mitfühlender und mitleidender Gott, der uns im Kreuz und durch das Kreuz anschaut; ein Gott, der uns von der krankmachenden Vorstellung befreit, immer vollkommen und perfekt zu sein; und ein Gott schließlich, der uns selbst sensibel macht für den Schmerz anderer Menschen.

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