Nackte bekleiden

Daniel Furxer am 28.2.2008

Obdachloser

Das vierte der Sieben Werke der Barmherzigkeit

Ich gehe die Museumsstraße in Innsbruck entlang. Da werde ich von einem Mann angesprochen, der einen Tramperrucksack auf der Schulter trägt. Er fragt mich um ein paar Euros. Ich gebe sie ihm bereitwillig. Ohne dass ich es will, werde ich von ihm in ein Gespräch hineingezogen.

Er erzählt mir aus seinem Leben, dass er auch gerne Musik macht, so wie ich. Geschickt greift er Themen auf, die mich auch interessieren. Politik zum Beispiel. Unvermittelt fragt er mich plötzlich, ob er heute bei mir übernachten dürfe. Bei diesen Worten überkommt mich eine arge Beklemmung. Soll ich diesen Wildfremden in meiner Studentenwohnung übernachten lassen? Nein, das sollte ich nicht tun, meine Eltern haben mich oft genug vor diesen Situationen gewarnt. Auf der anderen Seite: Rein theoretisch wäre es leicht möglich. Meine Wohnungskollegen sind dieses Wochenende nicht da. Ich müsste mich vor niemandem rechtfertigen.

Trotzdem bleibt die Beklemmung. Zuletzt raubt er mich aus, eh klar, der hat ja überhaupt kein Geld. In meiner mittleren Verzweiflung rufe ich einen Freund an, der dafür bekannt ist, immer wieder Leute bei sich übernachten zu lassen. Der hat Erfahrung in solchen Dingen, denke ich mir. Mein Freund sagt easy: “Ja, wenn er dir vertrauenswürdig vorkommt, warum nicht?” Naja vertrauenswürdig, wie kann ich das nach so kurzer Zeit beantworten? Ich fasse mir schließlich ein Herz, von mir aus soll er halt mitkommen. Wohl ist mir dabei nicht.

Der Mann ist sehr erfreut über meinen Beschluss und kommt gerne mit. Ich biete ihm eine Matratze im Vorraum an, in meinem Zimmer lasse ich ihn nicht schlafen. Wir reden noch lange. Der Mann ist noch gleich gesprächig wie auf der Straße. Wir unterhalten uns über die Gesellschaft. Der ist echt nicht blöd, denk ich mir. Um Mitternacht gehen wir schlafen.

Eine ruhige Nacht habe ich nicht verbracht, zu groß war meine Furcht, dass er sich mit etwas Wertvollem aus dem Staub macht. Wobei, was kann er da schon großartig mitnehmen? Am Morgen frühstücken wir sogar noch gemeinsam. Dann begleite ich ihn zur Tür und lass ihn raus.

Über die Nacktheit Obdachloser und was Nackte bekleiden bedeutet, hat auch Elmar Simma im KirchenBlatt geschrieben.

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