Weg mit Korku

Rainer Juriatti am 26.2.2008

Angst 2

Teil 2 zum Thema Angst vor dem Fremden.

Also wirklich. Emirhan schwingt immer noch nach. Er hat eine Ausstrahlung, die man wahrscheinlich nie mehr vergisst. Sein fröhliches Wesen, seine offenen Augen. Eine erinnerlich bleibende Begegnung. Ich mache mir Sorgen, dass er in jener Stimmung, die kollektiv vorherrscht, stark verändert werden wird.

Ich stelle mir vor, wie wir uns in zehn, 15 Jahren begegnen. Vielleicht blicke ich dann in abfällige, skeptische, ängstliche, ja möglicherweise hasserfüllte Augen. Wie schade, wie traurig, wie grausam das wäre. Was wir heute in Fragen der Integration säen, ernten wir in einer, zwei Generationen. Die Verantwortung, die wir also haben, die ist von enormer Bedeutung. Da führt kein Weg, da führt kein Argument daran vorbei. Ich betrachte die Angst, die manche glauben, haben zu müssen.

Was bedeutet es, aus dem Glauben heraus Angst zu haben? Was bedeutet es, wenn Jesus seinen Jüngern ob des heftigen Sturmes auf See sagt: “Warum habt ihr solche Angst?” (Mk 4,40). Vertrauen sie nicht, die Jünger? Auf den Glauben allein? Wir kennen die Geschichte. Vertrauen ist erforderlich, um eine unbestimmte Angst, die aus scheinbarer Machtlosigkeit erwächst, zu bewältigen. Gegen einen Sturm bin ich vielleicht tatsächlich im Gesamten machtlos. Doch ich kann den Segeln Spielraum geben, ich kann sie raffen, oder ich kann mich treiben lassen, bis der Sturm vorüber ist. Für die Integration gilt des, nicht das Gesamte verändern zu wollen. Auch hier liegen im Detail viele Möglichkeiten.

Glaube, Hoffnung und Liebe sind es, die auch der Theologe Karl Rahner zur Stärkung des Vertrauens sieht, gegen die menschliche Grundangst. Dabei, so Rahner, realisiere sich das Vertrauen in “konkreten Aufgaben der Freiheit im Umgang mit … gesellschaftlichen Wirklichkeiten”. Liebe also. Sie hilft gegen die Angst. Und Selbstliebe geht immer einher mit der Nächstenliebe. Dann wirkt sie nicht “angstproduktiv”. Das heißt, liebe ich nur mich, den anderen aber nicht, fühle ich mich stets bedroht in meiner Liebe. Papst Benedikt XVI. meint in diesem Zusammenhang, dass wir unsere Perspektiven grundlegend zu ändern haben. Wir dürfen uns nicht als Weltmittelpunkt betrachten. Und über die Liebe hat Papst Benedikt XVI. sich ausführlich geäußert. Weg mit Korku! Einem der drei türkischen Worte für Angst. Dann erst ist Integrationsarbeit, wie beispielsweise jene von okay-zusammenleben erst möglicht.


2 Kommentare zu “Weg mit Korku”

  1. Susi Sonnenschein sagt:

    Weg mit Korku! Ich kann Ihnen nur zustimmen, Herr Juriatti. Ich bin zum Glück in einer Familie aufgewachsen, die viel Kontakt zu türkischen Familien hatte und immer noch hat. Als Volkschülerin habe ich daher schon türkische Freunde gehabt. Wir wurden oft zu türkischem Kaffee und Paklawa eingeladen und ich hab schon damals bemerkt, dass diese Familien sehr weltoffen und aufgeschlossen sind. Keine Spur von Fundamentalismus. Dieses Wort bringt man ja meist in Verbindung, wenn man vom Islam spricht. Natürlich waren die türkischen Kinder auch zu meinem Kindergeburtstag eingeladen:)

    Auch heute noch habe ich als Jugendarbeiterin viel mit JugendarbeiterInnen mit Migrationshintergrund zu tun. Und ich muss eines sagen: Sie sind die besseren Vorarlberger. Ihre Zukunftswünsche: Einen sicheren Job, Heiraten, 2 Kinder und ein Haus bauen. Und vor so “radikalen” Einstellungen soll ich Angst haben?

    Angst schürt, wer Angst hat. Ich habe keine Angst.

  2. Karl Schulz sagt:

    Vielleicht gibt es auch eine politisch erzeugte Hysterie gegen angeblichen und behaupteten Rechtsextremismus?