Nicht fremd sein

Rainer Juriatti am 22.2.2008

Nicht fremd

Wie kann ich einem mir völlig Fremden der Nächste werden?

Vor einigen Tagen las eine Frau einen Text. Der Text wurde von einem ihr völlig fremden Menschen geschrieben. Als sie die rund 150 Seiten zu Ende gelesen hatte, wusste sie, dass der ihr fremde Mensch Gedanken zu Papier gebracht hatte, die exakt ihr Leben betrafen: Ihre Gefühle, ihre Not, ihren Leidensweg, ihre Rückschlüsse daraus - Rückschlüsse auf ihr Leben. Dies alles wurden vom Fremden getroffen, war ihr nahe gekommen.

Ein paar Tage darauf rief diese Frau den ihr Fremden an. Sie erzählte von ihrer Erfahrung des Lesens. Der Verfasser des Textes hörte zu. Und er freute sich. Alles, was er sich gedacht hatte, alles, was ihn beschäftigt hatte, alles, was er in mühevollen Stunden in Worte zu fassen versucht hatte, dies alles hatte ganz offensichtlich eine Empfängerin gefunden. Und schon damals, als er zu schreiben begonnen hatte, meinte er, wenn auch nur ein Mensch diesen Text begreift, ist das Ziel der mühevollen Arbeit, der vielen Monate der Hingabe an eine Sache, erreicht. Nur ein Leser, hoffte er. Lesen verbindet.

Die beiden sprachen lange miteinander. Und beide spürten, dass der fremde Mensch am Telefon, das Gegenüber im Gespräch, zum Nächsten geworden war. Zum Nächsten, weil beide das selbe, der Text nämlich, verband. Obwohl ihre Biografien, ihr Geschlecht, ihr sozialer Hintergrund, ihr Alter, ja Leben gänzlich unterschiedlich war und ist. Geschriebene Zeilen verbinden die beiden. Ab sofort. Für alle Zeit. Sie sind einander der Nächste geworden. Ein Verbündeter mehr auf dieser Welt.


7 Kommentare zu “Nicht fremd sein”

  1. schacks sagt:

    das ist wunderbar.
    das ist einfach wunderbar.
    tausend dank!

  2. schacks sagt:

    nochmals ich. bin dem link gefolgt. da gab es ein wort: LeseLust - aber auch dort hatte niemand leselust - oder wenigsten drüber zu schreiben. das ist eine eigenartige welt hier. die schreiben wunderbare text und noch schönere bilder und noch bessere themen - aber niemand scheint zu lesen oder zu kommentieren…irgendwie komisch…aber jetzt bin ich “ein verbündeter mehr auf dieser welt” ehrlich…

  3. giovanniprimo sagt:

    Gute Gedanken, die Verbindung zweier Fremder über mehr als zwei Zeilen, das hat mich das Gleichnis vom barmherzigen Samariter nochmal neu “lesen” lassen. Der andere wird mir durch einen Text der Nächste. Ist das das Geheimnis des Schreibens?

  4. MadMax sagt:

    Ja, giovanniprimo, ich denke, das ist das Geheimnis des Schreibens. Zumindest sollte der Schreiber versuchen, diese Verbindung zu ermöglichen.

  5. Karl Schulz sagt:

    Kann man uns nicht mit derart dilettantischen pseudliterarischen Ergüssen verschonen?

  6. Werwolfi sagt:

    Das ist Christlichkeit nach Peter Handke. Da sind die
    Sätze von Kaspar Hauser weitergedichtet. Weiter so. Genau so.

  7. June sagt:

    hm… ich mache Musik, das heißt: Ich rappe… bei mir ist es nich anders… allerdings schreibe ich meine texte bewusst allgemeiner… so das ich mein Problem haarklein auseinander genommen habe, und ein Außenstehender dennoch seine ganz eingene Geschichte in dem text heraushören kann… damit erreiche ich sehr viele leute auch wenn das gar nicht mein Ziel ist… schön für die beiden… aber Worte bleiben Worte. Und ihre übersetzung von der Realität des einen zur Realität des anderes ist meist mangelhaft… dennoch schön das sich die beiden auf diese Art gefunden haben…